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Diabetes & Psychologie e.V.
Arbeitsgemeinschaft Psychologie
und Verhaltensmedizin in der DDG

Diabetes gemeinsam meistern

Diabetes beeinflusst nicht nur Menschen mit Diabetes selbst, sondern hat in der Regel mannigfache Auswirkungen auf die Partnerschaft, Familie und andere soziale Beziehungen. Daher ist eine gute Bewältigung des Diabetes eine Gemeinschaftsaufgabe von Angehörigen und dem eigentlich Betroffenen.

"Was brauchen Sie um glücklich zu sein?" Diese Frage stellten in einer großen internationalen Studie zum Thema Lebensqualität Forscher tausende von Menschen in fast allen Ländern der Welt. Das Ergebnis war verblüffend: Ob reich oder arm, ganz unabhängig von der Rasse, Hautfarbe oder Religion nannten die Befragten als wichtigste Voraussetzungen für Glück die "Gesundheit". Als zweit wichtigster Bereich wurde benannt, "sozial integriert zu sein", ein "harmonisches Familienleben und/oder eine gute Partnerschaft" zu haben und eine ausreichende "soziale Unterstützung durch andere" zu erfahren.

Gute Unterstützung hilft, besser mit dem Diabetes klar zu kommen

Der Erfolg der Diabetestherapie hängt entscheidend davon ab, ob es dem Betroffenen gelingt, sich im Alltag genug um den eigenen Diabetes zu kümmern. Es liegt daher nahe, zu vermuten, dass für eine erfolgreiche Bewältigung des Diabetes eine gute Unterstützung durch andere - Partner, Kinder, Angehörige, Freunde - sehr hilfreich sein kann, während eine mangelnde Unterstützung eine zusätzliche Erschwernis darstellt.

Eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigen diesen Zusammenhang. Sie zeigen auf, dass die Einstellung zum Diabetes wie die konkrete Blutzuckereinstellung auch davon abhängt, ob der Betroffene eine befriedigende soziale Unterstützung durch den Partner, Familie oder Freunde erfährt. Menschen mit Diabetes, die mit ihrer Erkrankung eher schlecht zurechtkommen und eine schlechtere Stoffwechseleinstellung aufweisen, schildern in der Regel deutlich schlechtere Unterstützungsmöglichkeiten bzw. befriedigende soziale Beziehungen.

Auch Angehörige sind betroffen

Auf der anderen Seite ist die "Gesundheit" ein so wichtiges Lebensziel, dass die Erkrankung eines Familienangehörigen oder Partners natürlich auch das Leben der Angehörigen stark beeinflußt. Dies wird oft nicht genug beachtet. Von der Diabeteserkrankung eines Kindes sind gleichermaßen die ganze Familie - Eltern, Geschwister, Großeltern - betroffen. Der Umgang mit den täglichen Therapieanforderungen tangiert natürlich auch den Lebensalltag der übrigen Familie. Sorgen um mögliche Unterzuckerungen oder Blutzuckerentgleisungen, wie auch das Auftreten von Folgeerkrankungen, beschäftigen Angehörige gleichermaßen wie den Betroffenen selbst. In Gesprächsrunden zu diesem Thema habe ich schon öfters bemerkt, wie Angehörige von "unserem" Diabetes gesprochen haben, was nichts anderes ausdrückt, als dass die Partner die Bewältigung des Diabetes als eine gemeinsame Sache auffassen.

"Alleine hätte ich es nicht geschafft"

Herr Momsen war einer der ersten Typ-1-Diabetiker, die in Deutschland mit Insulin behandelt wurden. Er lebte über 70 Jahre mit seiner Erkrankung, ohne nennenswerte Folgekomplikationen zu bekommen. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion antwortete er auf meine Frage, welche Empfehlung er denn anderen Menschen mit Diabetes für einen erfolgreichen Umgang mit der Erkrankung geben würde: "Ohne meine Frau und meine Kinder hätte ich das nie geschafft. Als Diabetiker sind sie auf die Unterstützung ihrer Familie angewiesen. Das ist extrem wichtig. Gemeinsam Höhen und Tiefen des Lebens zu meistern macht eben eine gute Beziehung aus. In anderen Bereichen des Lebens konnte ich natürlich auch meine Frau und meine Kinder unterstützen. Aber ich bin mir sicher, alleine hätte ich nicht genug Kraft gehabt, mit der Erkrankung so gut zurecht zu kommen."

Familie und Partnerbeziehung sind besonders wichtig

Ergebnisse der Familienforschung und der Familientherapie belegen eindeutig, dass die Familie sowie eine enge Partnerbeziehung eine herausragende Rolle bei der sozialen Unterstützung spielen. Zumeist ist dies der Ort, wo man am intensivsten Geborgenheit, Nähe und intensive Zuneigung erfahren kann. Dies ist gerade für die emotionale Bewältigung des Diabetes eine sehr förderliche Bedingung. Die familiäre Geborgenheit ist besonders für Männer wichtig, da sie in der Regel mehr Schwierigkeiten haben, Gefühle zu zeigen und daher außerfamiliär viel weniger emotionale Unterstützung erfahren.

Gute Unterstützung - gut gegen Stress

Aus der Stressforschung weiß man auch, dass gerade bei starken Belastungen und Krisen - wie beispielsweise beim Auftreten des Diabetes, bei schweren Unterzuckerungen oder dem Umgang mit Folgekomplikationen - eine gute Unterstützung durch andere eine Art "Puffer" gegenüber diesen Belastungen darstellt. Mit jemand anderen zu reden, Gefühle auszutauschen, Körperkontakt zu erleben oder einfach die Nähe des anderen zu spüren, kann dazu beitragen, dass der empfundene Stress oder die Belastung ein gewisses Ausmaß nicht übersteigt. Allerdings muß man sich schon bei Zeiten um eine gute Beziehung zu anderen kümmern, damit diese in schwierigen Situationen auch tragfähig genug ist.

Unterstützung kann gleichermaßen positiv wie negativ erlebt werden

Soziale Unterstützung durch andere ist jedoch ein zweischneidiges Schwert. Sie kann sowohl in dem Sinne als positiv erlebt werden, als dass sie eine Unterstützung für das Leben mit Diabetes darstellt. Auf der anderen Seite kann ein zuviel an Unterstützung oder eine falsche Form der Unterstützung auch negative Auswirkungen haben. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn durch Überfürsorglichkeit und Einmischung in die Privatsphäre des Einzelnen der eigenverantwortliche Umgang mit dem Diabetes behindert wird. Jugendliche mit Diabetes schildern dies als ein häufiges Problem. Aber auch ein zuviel an Sorge um den Partner kann dazu führen, dass das der Partner dies nicht als eine Unterstützung, sonder Einengung erlebt und mit Abwehr und Rückzug reagiert.

"Nur du alleine kannst es schaffen, aber alleine schaffst du es nicht!"

Dieser Werbespruch einer Selbsthilfegruppe drückt sehr gut aus, dass natürlich der Umgang mit der Erkrankung Diabetes erst einmal die Sache jedes Einzelnen ist. Aber ohne eine gute Unterstützung durch andere, fällt es sehr schwer, langfristig gut mit dem Diabetes zurecht zu kommen. Diese fällt jedoch nicht vom Himmel, sondern ist das Ergebnis der eigenen Bemühungen, Freundschaften zu pflegen, sich um eine gute, lebendige Partnerschaft zu bemühen oder genügend Zeit für die Kinder zu haben. Umsonst gibt es eben (fast) nichts im Leben!

Dr. Bernd Kulzer
Diabetes Zentrum Mergentheim


Stand: Juli 2004